Pränataler Stress: Wie sich das Nervensystem schon im Mutterleib entwickelt

Dieser Artikel entstand aus meinem Beitrag zur Blogparade „Was rettet dich, wenn der Tag schon morgens aus dem Ruder läuft?von Dr. Laila Schmidt (https://dr-laila-schmidt.de/blogparade-wenn-der-tag-macht-was-er-will/). Sie fragt nach dem persönlichen Notfallkoffer – dem Lied, dem Satz, dem Ritual, das rettet, wenn der Tag schon beim ersten Kaffee falsch abbiegt. Ich gehe dieser Frage aus der Perspektive des Ungeborenen nach: Wie entstehen überhaupt jene Regulationsmöglichkeiten, auf die wir später in belastenden Situationen zurückgreifen?

Kurz zusammengefasst: Pränataler Stress & kindliche Entwicklung

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick:

  • Ist eine Schwangere über länge Zeit belastenden Situationen ausgesetzt, kann das die Plazenta überfordern, sodass sie das Ungeborene nicht mehr wirksam gegen das Stresshormon Cortisol schützen kann: eine erhöhte Menge an aktivem Cortisol kann zum ungeborenen Kind gelangen und seine Entwicklung beeinflussen.
  • Cortisol wirkt daran mit, wie die spätere Stressachse (HPA-Achse), das autonome Nervensystem (Sympathikus und Parasympathikus) und Hirnregionen wie Amygdala und Hippocampus kalibriert werden.
  • Diese Eineichung der regulativen Komponenten können wir als aktive Anpassung an eine vermeintlich unsichere Welt betrachten. Sie ist keine Fehlfunktion im eigentlichen Sinne (Glover, 2011).
  • Talge und Kolleg:innen (2007) schätzen auf Grundlage mehrerer prospektiver Studien, dass pränataler Stress bzw. Angst auf Bevölkerungsebene zu rund 15 % der späteren emotionalen und Verhaltensprobleme beiträgt. Die Autor:innen bewerten diesen Effekt als klinisch bedeutsam, ohne ihn als deterministisch zu verstehen.
  • Eine stabile Paarbeziehung, soziale Unterstützung der Mutter während der Schwangerschaft und eine feinfühlige Fürsorge für das Kind nach der Geburt kann diesen Effekt abpuffern.

Warum Umgebungsbedingungen unsere pränatale Entwicklung beeinflussen

Etwa vier Wochen nach der Befruchtung schließt sich bei uns das Neuralrohr – die Grundstruktur, aus der später das gesamte zentrale Nervensystem entsteht (Van den Bergh et al., 2020). Was jetzt beginnt, ist kein fertiger Bauplan, der einfach abgespult wird. Es ist ein Zwiegespräch, bidirektional. Unsere Gene liefern die Grundmelodie, aber die Umgebung – die biochemische Signatur unserer Mutter – bestimmt maßgeblich das Tempo, die Betonung, manche Wendungen der Melodie mit.

Diese Umgebung besteht nicht nur aus Nährstoffen und Sauerstoff. Sie besteht auch aus Botenstoffen wie zum Beispiel Hormone. Diese Botenstoffe tragen Informationen in sich über die Welt außerhalb der Gebärmutter – auch über das Ausmaß an Stress, den die Mutter erlebt.

Welche Rolle die Plazenta bei der Entwicklung der Cortisol-Regulierung spielt

Lange dachte man, die Plazenta halte uns komplett von den Stresshormonen unserer Mutter fern. Das stimmt nicht ganz. Die Plazenta besitzt ein Enzym namens 11β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase Typ 2 (11β-HSD2), das aktives mütterliches Cortisol zu einem großen Teil in eine inaktive Form umwandelt, bevor es uns erreicht (O’Donnell, O’Connor & Glover, 2009). Wir sind also geschützt – aber nicht vollständig, und der Schutz ist kein starrer Filter, sondern selbst formbar.

Unter anhaltendem mütterlichem Stress wird dieses schützende Enzym herunterreguliert. Das bedeutet: mehr aktives Cortisol erreicht uns (O’Donnell et al., 2012). Zusätzlich produziert die Plazenta selbst ein Hormon namens CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon), dessen Konzentration im Verlauf der Schwangerschaft exponentiell ansteigt – manche Forscher:innen sprechen hier von der „plazentaren Uhr“, die unter anderem bei anhaltendem Stress schneller zu ticken beginnt (Davis & Sandman, 2010) und das Risiko für eine vorgezogene Geburt erhöht. Die Plazenta ist also nicht nur eine Barriere. Sie ist ein Übersetzungsorgan, das Informationen über die Außenwelt in eine biochemische Sprache übersetzt, die wir als Ungeborene verstehen – und darauf reagieren.

Wie unsere Stress-Achse pränatal entwickelt wird

Etwa ab der Mitte der Schwangerschaft wird unsere eigene Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, kurz HPA-Achse, zunehmend aktiv. Sie gehört zu den zentralen Regulationssystemen, über die unser Körper später auf Belastungen reagiert und die Ausschüttung von Cortisol steuert. Mütterliches und fetales Cortisol stehen dabei in Zusammenhang. Wie eng dieser Zusammenhang ist, hängt jedoch unter anderem vom Zeitpunkt in der Schwangerschaft und von der regulierenden Tätigkeit der Plazenta ab (Talge et al., 2007; Glover, O’Connor & O’Donnell, 2010).

Das Entscheidende ist: Diese Achse wird während ihrer Entwicklung nicht nur in Betrieb genommen. Sie wird programmiert. Damit ist keine unveränderliche Festlegung gemeint. Vielmehr stellt sich das entstehende Regulationssystem auf die Bedingungen ein, die es vorfindet. Erreichen uns über längere Zeit vermehrt Stresssignale aus der mütterlichen Umgebung, können diese Signale an der späteren Empfindlichkeit und Reaktionsweise unserer HPA-Achse mitwirken.

Eine Rolle spielen dabei epigenetische Mechanismen wie die DNA-Methylierung. Sie verändern nicht unsere Gene selbst, sondern beeinflussen, wie stark bestimmte Gene abgelesen werden. Dadurch kann sich unter anderem die Bildung von Rezeptoren verändern, an die Cortisol bindet. Auf diese Weise wirken vorgeburtliche Bedingungen daran mit, wie sensibel unser Stresssystem später reagiert, wie stark es aktiviert wird und wie schnell es nach einer Belastung wieder zur Ruhe findet (Talge et al., 2007; Van den Bergh et al., 2020).

Vereinfacht gesagt: Ein Teil der Kalibrierung unseres inneren Rauchmelders beginnt bereits im Mutterleib. Dort entwickelt sich mit, wie schnell er anschlägt, wie laut er Alarm gibt und wie gut er sich anschließend wieder beruhigen lässt. Als Ungeborene passen wir uns also so an die Welt an, wie sie uns über den Körper unserer Mutter vermittelt wird.

Was die Herzratenvariabilität über die frühe autonome Regulation zeigt

Schon ab etwa der 20. Schwangerschaftswoche lässt sich unser autonomes Nervensystem indirekt beobachten, über die Variabilität unseres Herzschlags. Diese Variabilität entsteht aus dem Zusammenspiel von Sympathikus (Aktivierung) und Parasympathikus, insbesondere dem Vagusnerv (Beruhigung), und nimmt im Laufe der Schwangerschaft an Komplexität zu, je mehr neuronale Verschaltungen reifen (Dalton, Dawes & Patrick, 1983).

Studien von Janet DiPietro und Kolleg:innen zeigen, dass mütterlicher Stress mit einer veränderten fetalen Herzratenreaktivität einhergeht, und dass diese vorgeburtlich beobachtbaren Muster spätere Temperamentsunterschiede im Säuglingsalter vorhersagen (DiPietro, 2012). Anders gesagt: Die Fähigkeit, sich nach einer Erregung über die „Vagusbremse“ wieder selbst zu beruhigen wird in ihren Grundzügen bereits im Mutterleib angelegt und entscheidet im Erwachsenenleben darüber, wie schnell wir uns nach einem Schreck wieder fangen. Unser allererster Notfallkoffer ist also kein Gegenstand. Es ist ein Reflexbogen zwischen Herz und Hirnstamm.

Kurz erklärt: die wichtigsten Fachbegriffe

  • HPA-Achse: Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse ist das körpereigene Stresssystem, das über die Ausschüttung von Cortisol entscheidet.
  • Glukokortikoide: Stresshormone, allen voran Cortisol, die über die Plazenta auch das Ungeborene erreichen.
  • Epigenetik: Mechanismen wie zum Beispiel die DNA-Methylierung, die nicht die Gene selbst verändern, sondern ihre Aktivität, abhängig von Umwelteinflüssen wie zum Beispiel Stress.
  • 11β-HSD2: Ein Plazenta-Enzym, das mütterliches Cortisol größtenteils unschädlich macht, bevor es uns als Ungeborene erreicht.
  • Vagusbremse: Die Fähigkeit des Vagusnervs, den Körper nach Erregung wieder zu beruhigen – Grundlage der Selbstregulation.

Wie Stresshormone an der Gehirnentwicklung mitwirken

Cortisol und verwandte Glukokortikoide erreichen über die Plazenta unser sich entwickelndes Gehirn – und dort besonders Regionen, die dafür vorgesehen sind, dicht mit Glukokortikoidrezeptoren besetzt zu werden: Amygdala, Hippocampus und präfrontaler Cortex (Van den Bergh et al., 2020). Genau diese drei Regionen bilden später das Dreieck, das über Bedrohungserkennung (Amygdala), Gedächtnis und Emotionsregulation (Hippocampus) sowie bewusste Impulskontrolle (präfrontaler Cortex) entscheidet.

Glukokortikoide beeinflussen in diesen Phasen aktiv die Vermehrung, die Wanderung und die Vernetzung von Nervenzellen. Strukturelle Bildgebungsstudien an Kindern, die pränatal erhöhtem mütterlichem Stress oder erhöhter Angst ausgesetzt waren, zeigen unter anderem eine veränderte Dichte der grauen Substanz in den limbischen Arealen (Van den Bergh et al., 2020). Das ist keine Fehlentwicklung im Sinne eines Defekts, sondern eine Bauweise, die das Erkennen von Bedrohung und die Reaktion darauf priorisiert.

Welche Rolle Oxytocin bei der Entwicklung unserer Regulationsfähigkeit spielt

Bis hierhin haben wir vor allem von einem Hormon erzählt: Cortisol. Das greift zu kurz. Der Neurobiologe Gerhard Roth und die Entwicklungsneurobiologin Nicole Strüber beschreiben in ihrem Werk zur neurobiologischen Grundlage der Psyche, dass unsere spätere Persönlichkeit aus dem Zusammenspiel von Genen, vorgeburtlicher und nachgeburtlicher Erfahrung sowie einer ganzen „Sprache der Seele“ entsteht: Neuromodulatoren, Neuropeptide und Neurohormone wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Acetylcholin, endogene Opioide, Oxytocin, Vasopressin und eben Glukokortikoide, die auf mehreren Ebenen des limbischen Systems miteinander interagieren (Roth & Strüber, 2012, 2018).

Aus diesem Zusammenspiel gehen sechs psychoneurale Grundsysteme hervor, die später unsere Persönlichkeit tragen: Stressverarbeitung, Selbstberuhigung, Bewertung und Belohnungserwartung, Impulshemmung, Realitätssinn/Risikowahrnehmung – und ein sechstes System, das besonders interessant ist: das Bindungssystem, der neurobiologische Unterbau unserer Sozialität (Roth & Strüber, 2018).

Sein Hauptakteur ist Oxytocin. Es löst die Ausschüttung von körpereigenen Opioiden und Dopamin aus und ist damit eng verknüpft mit Persönlichkeitsmerkmalen wie Introversion und Extraversion, mit dem Ausmaß, in dem uns die Gegenwart und Anerkennung anderer Menschen wichtig ist, und mit unserer Fähigkeit zu Empathie (Roth & Strüber, 2018). Wichtig für uns, wenn es um das Ungeboren-Sein geht: Roth und Strüber weisen ausdrücklich darauf hin, dass nicht nur das Cortisol-, sondern auch das Oxytocinsystem bereits vorgeburtlich in seiner Grundausstattung mitgeprägt wird – über denselben Mechanismus, den wir schon kennen: vorgeburtliche Erfahrung beeinflusst die Genexpression, diese beeinflusst die synaptische Verschaltung, und die synaptische Verschaltung legt fest, wo und in welcher Menge später ein Neuromodulator ausgeschüttet wird (Roth & Strüber, 2012, 2018).

Das bedeutet: Was im Mutterleib kalibriert wird, ist nicht nur unser Alarmsystem. Es ist auch unser Andock- oder Bindungssystem. Es ist dafür zuständig, wie leicht oder schwer es uns später fällt, Vertrauen aufzubauen, Nähe zuzulassen, uns über Kontakt zu beruhigen, anstatt für uns allein. Beide Systeme sind miteinander verschränkt: Eine chronisch überaktivierte Stressverarbeitung kann die Feinabstimmung des Bindungssystems erschweren, weil die Andockstellen an die Menge an Stress- oder Bindungshormonen angepasst werden. Einen Teil einer vorgeburtlich angelegten Stress-Empfindlichkeit kann noch abpuffert werden, wenn nach der Geburt wohltuende Bindungserfahrungen für eine vermehrte Ausschüttung von Oxytocin, Serotonin und Opioiden sorgen (Roth & Strüber, 2018). Unsere Fähigkeit, uns an einem miesen Tag von einem Menschen trösten zu lassen, der wortlos Schokolade auspackt, ist also selbst ein Stück weit vorgeburtlich mitgestaltetes Terrain – und gleichzeitig lebenslang formbar.

Warum der Zeitpunkt der Belastung während der Schwangerschaft eine Rolle spielt

Besonders aufschlussreich ist eine Studie von Elysia Davis und Curt Sandman (2010): Sie zeigte, dass erhöhtes mütterliches Cortisol, wenn es früh in der Schwangerschaft einwirkt, mit einer langsameren kognitiven Entwicklung im ersten Lebensjahr verbunden ist. Dasselbe erhöhte Cortisol etwas später in der Schwangerschaft war dagegen im Alter von zwölf Monaten mit einer beschleunigten kognitiven Entwicklung und höheren Werten auf der Bayley-Scale of Infant Development und dem Mental Development Index (Entwicklungstests) assoziiert.

Das ist eine wichtige Nuance für jede fachliche Auseinandersetzung mit dem Thema: Denn es geht damit nicht um „viel Stress = schlecht, wenig Stress = gut“. Es geht um sensible Zeitfenster. Dieselbe Substanz wirkt zu unterschiedlichen Zeitpunkten unserer Entwicklung unterschiedlich, je nachdem, welche Struktur gerade im Aufbau begriffen ist (Davis & Sandman, 2010; Van den Bergh et al., 2020).

Die pränatale Anpassung ist kein festgelegtes Schicksal

Vivette Glover (2011) schlägt eine evolutionäre Erklärung vor: Sie sieht eine fetale Programmierung nicht primär als Fehlfunktion, sondern als Option der Natur zu einer vorausschauenden Anpassung. Wenn die Umwelt, aus der die mütterlichen Stresssignale stammen, tatsächlich bedrohlich oder unsicher ist, könnte es von Vorteil sein, mit erhöhter Wachsamkeit, schneller Reizverarbeitung und rascher Stressreaktion zur Welt zu kommen. Ein Nervensystem, das schnell Gefahr wittert, war unter unsicheren Bedingungen in der Evolutionsgeschichte womöglich ein Überlebensvorteil, auch wenn genau dieses System in einer modernen, vergleichsweise sicheren Umwelt anfälliger für Angst, Aufmerksamkeitsprobleme oder ein überschießendes Stresssystem sein kann (Glover, 2011; Talge et al., 2007).

Talge et al. (2007) beziffern die sogenannte attributable Last emotionaler und Verhaltensprobleme durch pränatalen Stress auf etwa 15 Prozent; ein Effekt, der statistisch bedeutsam ist, aber noch weit von einem Determinismus entfernt. Und: Er kann abgepuffert werden. Durch eine gute Paarbeziehung der Eltern, soziale Unterstützung der Mutter und eine feinfühlige Fürsorge nach der Geburt. Unter solchen Bedingungen können wir einen erheblichen Teil dieser vorgeburtlichen Kalibrierung wieder ausgleichen (Talge et al., 2007).

Was die pränatalen Bedingungen für unsere Zukunft bedeuten

Die hier beschriebenen Prozesse gelten nicht nur für die Entwicklung des Nervensystems. Der britische Epidemiologe David Barker zeigte bereits 1995, dass die Bedingungen im Mutterleib, damals ging es vor allem um Unterernährung während der Schwangerschaft, die Weichen stellen können für Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter (Barker, 1995). Aus dieser sogenannten Fetal-Origins-Hypothese ist längst das breitere Forschungsfeld der Developmental Origins of Health and Disease (DOHaD) geworden: Der Organismus trifft im Mutterleib, vor dem Hintergrund von Informationen aus dem Außen, gewissermaßen eine Prognose darüber, in welche Welt er hineingeboren wird, und passt seinen Stoffwechsel, sein Immunsystem und eben auch Nervensystem an diese Informationen an (Entringer, Buss & Wadhwa, 2015).

Unser autonomes Nervensystem, unsere HPA-Achse und unser limbisches System sind Teil dieser Prognose. Sie sind unsere biologische Wettervorhersage für einen Planeten, den wir vorgeburtlich noch nicht kannten.

Warum der Notfallkoffer nun bei jedem anders aussieht

Und damit schließt sich der Kreis zur Ausgangsfrage: Was rettet dich, wenn der Tag schon morgens aus dem Ruder läuft?

Die Antwort ist bei jedem Menschen anders – ein Lied, ein Satz, ein Spaziergang, ein Mensch, der wortlos Schokolade auspackt. Was diese Antworten so unterschiedlich macht, ist nicht nur Erziehung, Persönlichkeit oder Übung. Ein Teil der Regulationsfähigkeit, mit der wir überhaupt an einen schlechten Tag herangehen, wie schnell unser Alarmsystem anspringt, wie leicht wir uns danach wieder beruhigen, wie unser Cortisolspiegel auf Anspannung reagiert, wurde in seinen Grundzügen schon vorgeburtlich mitgestaltet. Wir haben uns an die Umweltbedingungen angepasst, die wir im Mutterleib vorgefunden haben, lange bevor wir wussten, dass wir uns anpassen.

Das ist für die fachliche Arbeit rund um Schwangerschaft und Geburt weniger ein Grund zur Sorge als eine Einladung zu präventiver Weitsicht: Es verschiebt den Blick von „die Mutter kann hier etwas falsch machen“ hin zu „welche Unterstützung braucht eine schwangere Frau von uns, damit ihr Nervensystem – und das ihres Kindes – nicht dauerhaft im Alarmmodus kalibriert wird“. Und es erklärt, mit einer gewissen Milde, warum die eine Klientin beim kleinsten Anlass explodiert und die andere Klientin scheinbar unerschütterlich bleibt. Beide haben früh gelernt, was für sie „normal“ ist.

Manchmal ist also das, was uns rettet, wenn der Tag aus dem Ruder läuft, nicht das, das wir bewusst gewählt haben, sondern eine Kompetenz, die uns schon vor der Geburt mitgegeben wurde.

Was diese Erkenntnisse für die Begleitung von Schwangerschaften bedeuten

Der Blick auf pränatalen Stress soll nicht verunsichern, sondern Verständnis aufbauen. Für Schwangere. Für Ungeborene. Und für uns selbst. Wir waren alle mal ungeboren und tragen unsere pränatalen Prägungen in unserem Körper-System mit. Sehr oft ohne Bewusstheit.
Wir sind alldem aber nicht gänzlich hilflos ausgeliefert. Auch später im Leben können wir uns unsere pränatale Geschichte noch genauer ansehen und nachnährende Erfahrungen machen.

Aus pränatalpsychologischer Sicht ergibt sich daraus für mich eine weiterführende Frage:
In welchem Maß prägen unsere frühen körperlichen Regulationserfahrungen unser heutiges professionelles Handeln?


Vor dem Hintergrund meiner langjährigen praktischen Erfahrung empfehle ich allen Fachleuten, die mit Menschen im Kontext von Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Geburt arbeiten, eine Beschäftigung mit der eigenen vorgeburtlichen Geschichte. Wer möchte schon, dass das eigene, pränatal vorgeformte System getriggert wird und die inneren Alarmglocken zu schrillen beginnen, während im Außen objektive Einschätzungen und dienliche Entscheidungen gefordert sind?

Wenn du einen Menschen begleitest, denke daran, dass seine vorgeburtliche Geschichte mit im Raum ist.
Wenn der Mensch, den du begleitest, ein Ungeborenes ist, helfe mit, dass es sein System in einem sicheren Raum entwickeln kann. Übernehme mit Verantwortung dafür, dass seine Eltern sich sicher und beschützt fühlen, insbesondere die schwangere Frau.

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FAQ

Was sage ich in der Praxis, wenn eine Schwangere von viel Stress berichtet?
Laut Forschungslage ist nicht die Intensität eines einzelnen Ereignisses entscheidend, sondern die Frage, ob die Belastung über Wochen anhält. Kurzfristiger, alltäglicher Stress zählt nicht zu den relevanten Risikofaktoren, aber wochen- bis monatelange Anspannung kann die kindliche Entwicklung negativ beeinflussen.

Wie kann ich als Hebamme oder Therapeutin die Mutter unterstützen, wenn sie sich schlecht fühlt, weil sie in der Schwangerschaft viel Stress hatte – ohne sie zu verunsichern?
Lege den Fokus auf Ressourcenstärkung und nicht auf Risikoaufklärung. Wie angesprochen, können eine gute soziale Unterstützung, eine stabile Paarbeziehung und feinfühlige Fürsorge nach der Geburt für das Baby einen guten Teil der vorgeburtlichen Kalibrierung wieder ausgleichen. Es geht nicht um Schuld und Scham, sondern um Ansatzmöglichkeiten.

Spielt der Zeitpunkt des Stresses in der Schwangerschaft eine Rolle für die Beratung?
Ja, denn derselbe erhöhte Cortisolspiegel früh oder spät in der Schwangerschaft kann sich unterschiedlich auswirken. Für die Praxis heißt das: Pauschale Aussagen wie „viel Stress = schlecht“ greifen zu kurz, relevant sind sensible Zeitfenster, nicht nur die Menge. Gerade wenn es zu Beginn der Schwangerschaft viel Stress gab, kann es helfen, die Mutter-Kind-Bindung noch in der Schwangerschaft zu stärken.

Warum lohnt es sich, die eigene vorgeburtliche Geschichte zu reflektieren, wenn ich mit Schwangeren arbeite?
Weil die unreflektierte eigene Prägung das professionelle Urteilsvermögen beeinflussen kann: Ein eigenes, vorgeburtlich kalibriertes Alarmsystem kann in der Beratungs- oder Behandlungssituationen unbemerkt mitschwingen, die objektive Einschätzung erschweren und unpassende Handlungen einleiten.

Was ist das stärkste Argument gegen Schuldzuweisungen an die Mutter?
Es gibt zwei gute Gründe, auf Schuldzuweisungen zu verzichten. Erstens entsteht die spätere Entwicklung eines Kindes immer aus dem Zusammenspiel vieler Einflüsse. Pränataler Stress kann dazu beitragen, erklärt aber nur einen Teil der Unterschiede und legt den weiteren Werdegang eines Kindes nicht fest.

Zweitens ist es wichtig zu betonen, dass die Anpassung des Kindes nicht als etwas Negatives gesehen wird, sondern als eine Leistung. Der Blick sollte sich damit weg von Schuld richten und hin zu der Frage:
Welche Entwicklungsbedingungen wollen wir ungeborenen Kindern anbieten, damit sie ihr regulatives System gut entwickeln können?

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade „Was rettet dich, wenn der Tag schon morgens aus dem Ruder läuft?“ von Dr. Laila Schmidt. Weitere Beiträge zur Parade findest du dort.

Literaturverzeichnis

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Van den Bergh, B. R. H., van den Heuvel, M. I., Lahti, M., Braeken, M., de Rooij, S. R., Entringer, S., Hoyer, D., Roseboom, T., Räikkönen, K., King, S., & Schwab, M. (2020). Prenatal developmental origins of behavior and mental health: The influence of maternal stress in pregnancy. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 117, 26–64. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2017.07.003